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Italien: Die Rückkehr der Lebensfreude



Ein Vierteljahr genügte, um Italien zu verändern. Aber nicht in die Richtung, die Brüssel und Berlin vorgezeichner haben. Im Gegenteil: wer Italien heute erlebt, vergisst das Gerede von der Krise. Das Land scheint zurückgekehrt zu den goldenen Tagen, die angeblich nie wiederkehren würden.

Der Augenschein zeigt es: die Restaurants sind wieder voll. Selbst am Monatsende, wenn man weniger Verkehr erwartet, weil für Treibstoff kein Geld mehr in der Haushaltskasse ist, donnern die Blechlawinen schlimmer denn je durch Strassen und über Autobahnen. Zumindest in den City-Toplagen ist von Preisverfall bei Immobilien nichts zu spüren.

Die Zeitungen sind voll von Klageliedern über den Rückgang der Kaufkraft, den stagnierenden Verbrauch, die leerstehenden Läden, die schliessenden Firmen, die anschwellenden Arbeitslosenzahlen und die Verschleuderung nationaler Konzerne an habgierige ausländische Investoren. Italien ist ein Jammertal, wenn man den Medien glaubt.

Wie also ist es möglich, dass die Italiener ihr Geld, das sie angeblich nicht mehr haben, so fröhlich konsumieren? Werden Sparkonten geplündert? Liefert die sich mit jeder Steuererhöhung weiter ausbreitende Schattenwirtschaft das zusätzliche Einkommen?

Die Antwort ist zunächst psychologischer Natur: als die Krise kam und lauthals in den Medien verkündet wurde, erschraken die Leute und klinkten sich in die neue Mode der Sparsamkeit ein. Es war chic, zu sparen. Man fuhr zum Discounter statt zum nahe gelegenen Supermarkt. Man kaufte ein, zwei Fahrräder für die Familie. Erstmals seit Menschengedenken wurden Italien mehr Fahrräder als Autos verkauft. Eine Katastrophe für Fiat & Co.

So zelebrierte man die neue austerity. Doch das Krisenbewusstsein hielt nicht lange an. Der natürliche Lebensdrang der Italiener obsiegte. Auch ein paar neue Steuern und mehrere saftige Preiserhöhungen bei Treibstoff konnten das wiedergefundene Lebensgefühl nicht bremsen.

Bleibt die Frage, wie die neue Opulenz finanziert wird. Immer mehr Umsatz des Alltags läuft über fliegende Märkte, deren Transaktionen steuerfrei sind, weil niemand kontrolliert. Doch der Hauptteil der zusätzlichen Mittel stammt wohl aus dem Sparstrumpf. Italiens Bürger entsparen. Sie denken mehr an sich selbst als an ihre Nachkommen.

In den letzten zehn Jahren sind die vererbten Vermögen Italiens um 20 Milliarden im Jahr oder zwanzig Prozent geschrumpft, wie casa.it berichtete. Dieser Trend wurde durch die Krise seit 2009 noch beschleunigt.

Besonders auffällig ist die Zunahme von Immobilienverkäufen "nuda proprietá", bei denen der Käufer zwar die Wohnung oder das Haus erwirbt, dem Verkäufer aber ein Wohnrecht auf Lebenszeit einräumt. Ist der Verkäufer zwischen siebzig und achtzig Jahre alt, so erhält er in der Regel 65 Prozent des Werts der Immobilie, falls sie sofort verfügbar wäre. Ist der Verkäufer über 80 Jahre alt, so erhält er 75 Prozent des Marktwerts.

Dieses Modell, das verhindert, dass Angehörige die Immobilie erben, ist jetzt enorm populär mit einer Zunahme der Verkäufe dieser Art um 40 Prozent allein im Jahr 2012.

Überhaupt zögern die Italiener, an den Tod zu denken und sich festzulegen. Sechzig Prozent von ihnen haben kein Testament gemacht; in 85 Prozent der Erbfälle gilt die gesetzliche Regelung. Darunter leiden die in Italien hochbezahlten Notare: ihr Umsatz ist in den letzten acht Jahren um die Hälfte geschrumpft.

Es gibt mehrere Gründe für die zu beobachtende Lockerung des traditionell starken italienischen Generationennexus. Zunächst hat sich das Durchschnittsalter sowohl des Erblassers wie der Erben durch die gestiegene Lebenserwartung deutlich nach oben verschoben. Die frühe Verrentung in Italien führt dazu, dass oft ein Drittel des Lebens als Rentnerdasein verbracht wird. Carpe diem, geniesse den Tag und verbrauche die Ersparnisse, bevor es zu spät ist, mag mancher Rentner beschliessen. zumal die Erben meist schon erwachsen sind und für sich sorgen können oder sollten.

Ein grosser Kostenfaktor im Leben der Senioren ist die Gesundheit. Die katastrophale Überlastung des staatlichen Gesundheitswesens Italiens zwingt mehr und mehr Leute, die es sich eigentlich nicht leisten können, Hilfe als Privatpatienten zu suchen. Da Ärzte und Krankenhäuser in Italien wesentlich teuerer sind als in Nachbarländern, ist das Schicksal des Privatpatienten wie in den USA oft der Weg in den finanziellen Ruin.

In besser gestellten Familien ziehen Senioren und Seniorinnen die Dienste einer Haushaltshilfe der traditionellen familiären Versorgung, für die sie Dank schulden, vor. Hunderttausende Haushälterinnen und Altenpflegerinnen aus Osteuropa und Entwicklungsländern versorgen in Italien meist illegal und unterbezahlt die alten Herrschaften.

Und dann gibt es natürlich auch die Neunzigjährigen, die zum blanken Entsetzen ihrer Kinder die badante, die Betreuerin oder Haushälterin, ehelichen. Es gibt die ukrainischen und rumänischen Bräute, denen das fortgeschrittene Alter des Gespons egal, wenn nicht willkommen, ist. Und es gibt die Unternehmungslustigen, die für ihr Altersdomizil die Ersparnisse in einem Bungalow in Kenia, Florida oder Brasilien anlegen, oft auf Nimmerwiedersehen.

In jedem Fall bedeutet das Entsparen nicht nur der Rentnergeneration einen massiven nationalen Vermögensabbau, der zum Teil der Finanzierung des Verbrauchs und des Gesundheitswesens dient. Die Frage ist nur, wie lange die Italiener diesen Trend durchhalten können. Bislang fütterrn sie mit ihrer Lebensfreude die Kassen des Staates und bremsen den Rückgang des Binnenverbrauchs. Aber wenn der erhoffte Aufschwung nicht bald kommt, droht die Rückkehr der austerity. Diesmal richtig.

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—— Benedikt Brenner